Übergewicht Adipositas

Übergewicht aus ernährungsmedizinischer Sicht

Ein Faktor bei der Übergewichts-Entstehung ist die Fehlernährung, die mit einer oberhalb des Bedarfs liegenden Energiezufuhr einhergeht. Der Verzehr von Lebensmitteln mit einer niedrigen Kaloriendichte ist zu gering, während der Verzehr von Lebensmitteln mit einer hohen Kaloriendichte zu häufig ist. Die Kaloriendichte der Nahrung stieg von 0,9 Kilokalorien pro Gramm Mitte des 18. Jahrhunderts auf heute 2,3 Kilokalorien pro Gramm. Lebensmittel haben eine niedrige Kaloriendichte, wenn sie wasserreich und fett- sowie zuckerarm sind.


Nahrungsmittel mit einer geringen Kaloriendichte sind in der Regel ballaststoffreich, während Lebensmittel mit einer hohen Kaloriendichte oft ballaststoffarm sind. Die Hunger-Sättigungsregulation ist auch durch den Ballaststoffgehalt der Lebensmittel bestimmt. Professor Dr. Walter Feldheim, Kurator der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik e.V., hatte Übergewicht vor diesem Hintergrund im vergangenen Jahr als Ballaststoffmangelkrankheit bezeichnet. Mehr Ballaststoffe in der Kost können zu einer Gewichtsreduktion führen. Das Übergewichtskonzept unserer Gesellschaft steht unter dem Motto „Abnehmen kann nur, wer satt i(s)st!“. Moderne Sättigungspräparate auf Basis von Zellulose oder Alginat können Übergewichtigen bei der Gewichtsreduktion gut verträglich helfen. Ballaststoffe sind in der Lage den glykämischen Index von Lebensmitteln und Speisen zu verringern.

In den letzten 200 Jahren ist der Verbrauch folgender Produkte bzw. Inhaltsstoffe wesentlich

... gesunken

... gestiegen

  • Getreide auf 30 Prozent des früheren Getreideverbrauchs
  • Hoch ausgemahlene Mehle von fast ausschließlichem Anteil auf unter 20 Prozent des Getreideverbrauchs
  • Ballaststoffe auf 25 Prozent des früheren Ballaststoffaufnahme
  • Kohlenhydrate von fast 80 Prozent auf etwa 45 Prozent der Gesamtenergiezufuhr
  • Niedrig ausgemahlene Mehle von geringem Anteil auf über 80 Prozent des Getreideverbrauchs (18 Prozent der Gesamtenergiezufuhr)
  • Isolierte Zucker von geringer Menge auf etwa 110 Gramm pro Person und Tag (11 Prozent der Gesamtenergiezufuhr)
  • Fett von unter 10 Prozent auf etwa 36 Prozent der Gesamtenergiezufuhr
  • Energie tierischer Herkunft von geringem Anteil auf etwa 45 Prozent der Gesamtenergiezufuhr
  • Alkohol auf etwa 5 Prozent der Gesamtenergiezufuhr
  • Ballaststofffreie Lebensmittel auf das fünffache

Aus psychologischer beziehungsweise verhaltenstherapeutischer Sicht ist es ein großes Problem, dass ernährungsmedizinisch in der Regel eine Gewichtsreduktion von 10 % (vom Ausgangsgewicht) ausreichend wäre, sich der Adipöse jedoch eine Gewichtsabnahme von 32 % (nach J. Foreyt) als Ziel setzt. Dieses Missverhältnis macht eine partnerschaftliche Therapie schwierig. Es wäre erforderlich, stärker zwischen „kosmetisch“ und „medizinisch“ relevanter Adipositas zu unterscheiden. Die Behandlung des Übergewichts oder der Adipositas bedeutet immer gleichzeitig auch eine Behandlung der assoziierten Begleiterkrankungen. Das Diabetes Prävention Programm zeigte, dass eine 7 prozentige Gewichtsabnahme das Risiko, einen Typ 2 Diabetes zu entwickeln, um 58 Prozent reduziert. Durch Fehlernährung gehen jährlich in Deutschland 4,5 Millionen Lebensjahre verloren. Bisher bleiben nach Foreyt (Nutrition Research Clinic, Houston, Texas, USA) in der Prophylaxe und Therapie des Übergewichts psychologische Komponenten zur Verhaltensänderung weitgehend unberücksichtigt. Bedauerlich ist, dass in den Industrieländern eine Portionsvergrößerung zu beobachten ist, nur nicht bei Obst und Gemüse. 

1.1        Adipositas aus hausärztlicher Sicht / Vorstellung einer Studie

In Deutschland sind mittlerweile 65% aller Männer und 50% aller Frauen übergewichtig, d.h. mehr als jeder zweite Deutsche hat ein zu hohes Körpergewicht, und die Zahl der Übergewichtigen nimmt stetig zu. 28 Prozent der 6-8-jährigen Kinder und bereits 32 % der 8-12-jährigen Kinder in Deutschland sind übergewichtig. Adipositas ist damit eines der häufigsten Gesundheitsprobleme. Allein im Jahr 1995 wurden in Deutschland etwa 21 Milliarden DM für die Behandlung der Adipositas und deren Begleit- und Folgekrankheiten ausgegeben. Es ist zu erwarten, dass in der allgemeinmedizinischen Praxis Adipositas zu den häufigsten Patientenanliegen und Beratungsanlässen zählt.

Die Patienten  konsultieren  ihren Hausarzt jedoch wegen Gelenkbeschwerden, Hypertonie, Diabetes mellitus, Schlaganfall, erhöhten Fettwerten, Gallensteinleiden, u.s.w. Übergewicht als Anlass für den Beratungswunsch ist selten. Es sind vielmehr die Folgen der Adipositas oder deren Begleiterkrankungen, welche den Patienten zum Arzt führen. Dies verdeutlicht den beunruhigenden Gegensatz zwischen der epidemiologischen Aussage, wonach mehr als jeder zweite Deutsche übergewichtig ist und der Tatsache, dass die Behandlungsanlässe bei den Patienten ganz offensichtlich erst gegeben sind, wenn Folge- oder Begleiterkrankungen sie zum Arzt führen. Allgemeinmediziner müssen sich folglich mehr als bisher um die Adipositas kümmern, um den Problemen ihrer Patienten gerecht zu werden.

Wegen der zunehmenden Problematik der Übergewichtigkeit in Deutschland wurde vom Lehrgebiet Allgemeinmedizin, unter Leitung von Frau Prof. Kruse, in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik, ein Schulungsprogramm für übergewichtige Patienten entwickelt.

40 Patienten, davon 31 Frauen und 9 Männer wurden über drei Monate zur Gewichtsreduktion angeleitet. Jede Gruppe wurde randomisiert aus 10 Personen zusammengesetzt. Unterscheidungsmerkmal der zwei Vergleichsgruppen ist der zusätzliche Einsatz von autogenem Training. Für das Schulungsprogramm ist ein Zeitrahmen von einem Jahr geplant.  Im ersten Vierteljahr fanden die Schulungstermine  wöchentlich jeweils eine Stunde, zur Zeit finden sie monatlich statt. Die Teilnehmer sollen eine langfristige Ernährungsumstellung auf eine fettreduzierte Ernährung erlernen. Zusätzlich werden sie zur  körperlichen Bewegung motiviert. Die Gruppendynamik wird zur psychologischen Unterstützung der Teilnehmer beim Abnehmen genutzt. Die Teilnehmer wurden angehalten, ein Ernährungsprotokoll zu führen und neben den aufgenommenen Nahrungsmitteln und Getränken, ihre körperliche Betätigung und Befindlichkeit anzugeben. Anhand der Protokolle wurden die Eßgewohnheiten der Patienten analysiert. Langfristiges Ziel ist es Folgeschäden und die daraus entstehenden Kosten für das Gesundheitssystem zu vermeiden, sowie Patienten neue Perspektiven der Lebensplanung und Einstellung zu ihrem Leben aufzuzeigen. Bei Patienten, die bereits an Folgen der Fehlernährung leiden, hoffen wir eine Linderung der Symptome (z.B. Gelenkschmerzen) oder Medikamentenreduktion zu erreichen (z.B. Schmerzmittel, orale Antidiabetika u.s.w.). Einschlusskriterium zur Teilnahme an der Schulung war ein Body Mass Index über 30 kg/m². Ausgeschlossen wurden Patienten mit ernährungsbedingten Krankheiten wie Sprue, Laktoseintoleranz und Patienten mit Zustand nach Magen- Darmoperationen. Der Ausschluss präadipöser Patienten erfolgte, um eine Provokation von Essstörungen in  Richtung Untergewicht zu vermeiden.

Im Rahmen des Schulungsprogramms werden die Patienten in regelmäßigen Abständen körperlich untersucht sowie Laborkontrollen durchgeführt, um subjektiv empfundene Besserung des allgemeinen Wohlbefindens durch Abnahme des Körpergewichts objektiv erfassen zu können. Die Teilnehmer haben ein Durchschnittsalter von 44 Jahren, die Patientinnen sind zwischen 22 und 66 Jahre alt, die Patienten zwischen 34 und 64 Jahre. Zu Beginn der Schulung betrug der mittlere BMI 34,4 kg/m². Der BMI der Patienten mit  autogenem Training betrug 34,9 kg/m², der BMI der Kontrollgruppe 33,9 kg/m². 12 Teilnehmer waren zum Zeitpunkt der Erstuntersuchung wegen eines Hypertonus, drei wegen Hypercholesterinämie und ein Patient wegen Diabetes mellitus Typ 2 in ärztlicher Behandlung. Acht  Patienten klagten über Rückenschmerzen, 12 über Kniebeschwerden, drei unter den Folgen eines Bandscheibenvorfalls und  fünf beschrieben Schultergelenksschmerzen, drei Teilnehmer gaben Depressionen und 12 Patienten Hautprobleme an. Bei der Erstuntersuchung wurden die folgenden Laborbefunde erhoben, um im Verlauf Folgen der Gewichtsreduktion zu objektivieren: HbA1c, Blutzucker, Harnsäure, Triglyceride, Cholesterin, HDL, LDL und TSH. Eine Verlaufskontrolle wird alle drei Monate durchgeführt. Bei auffälligen Werten wurden die Teilnehmer aufgefordert, ihren Hausarzt aufzusuchen. Dabei wurde bei vier Patienten ein Diabetes mellitus Typ 2 diagnostiziert, der vorher nicht bekannt war. 16 Patienten hatten erhöhte Blutfettwerte, ein Patient fiel erstmalig mit erhöhten Blutdruckwerten auf. Bei allen Patienten besserten sich im Verlauf die Blutzuckerwerte, bei zehn die Blutdruckwerte und bei acht Patienten die Cholesterin- und Triglyceridwerte. Die Frauen nahmen durchschnittlich 3,8 kg (maximal 9,9 kg) ab, die männlichen Schulungsteilnehmer 7,3 kg, wobei ein Patient 13,9 kg seines Ausgangsgewichtes verlor. Die Teilnehmer ohne autogenes Training reduzierten ihr Gewicht durchschnittlich um  4,2 kg, die Patienten, die am autogenen Training  teilnahmen, verloren im Mittel 4,8 kg.

Die Studie veranschaulicht, wie wichtig es ist, übergewichtige Patienten beim Abnehmen zu unterstützen, um mögliche Folgeerkrankungen zu vermeiden oder bestehende Beschwerden zu lindern. Autogenes Training und Steigerung der Bewegung sind wirksame Ergänzungen bei der Ernährungsumstellung. Ebenso spielt die Gruppendynamik eine bedeutende Rolle bei der Gewichtsreduktion. Ein Beweis für das Wohlbefinden der Teilnehmer ist die Verfassung des nachfolgenden Gedichts von einer der Patientinnen, die zusätzlich zur Ernährungsumstellung autogenes Training erlernt hat.


Ein Beitrag der Gesellschaft für Ernährungsmedizin & Diätetik, Bad Aachen


 

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